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WTM London 2026: Kanaren eröffnen ihren Stand mit Vorsicht und Optimismus

Mit einer Schweigeminute und einem großen Gruppenfoto haben die Kanarischen Inseln am Dienstag ihren Stand auf dem World Travel Market (WTM) in London eröffnet. Tourismusministerin Jéssica de León sieht die Inseln gut aufgestellt, warnt aber vor weniger Flugsitzen aus Großbritannien. Im Interview mit Radio Sol FM spricht sie außerdem über Qualität statt Masse, die Proteste gegen den Massentourismus und das Gesetz zur Ferienvermietung.

Kanaren eröffnen ihren Stand auf der WTM London 2026

Am Vormittag des ersten Messetags hat Jéssica de León, Consejera de Turismo y Empleo (Ministerin für Tourismus und Beschäftigung) der Kanarischen Regierung, den Gemeinschaftsstand der Kanarischen Inseln im Messezentrum ExCeL London eröffnet. Mit ihr standen Präsidenten mehrerer Cabildos (Inselregierungen) sowie Tourismusverantwortliche der Inseln und der Gemeinden auf der Bühne. Der World Travel Market findet in diesem Jahr zum 47. Mal statt und läuft noch bis Donnerstag, 5. November.

Vor der Eröffnung hielten die Anwesenden eine Schweigeminute: für die Opfer des Zugunglücks von Urda in der Provinz Toledo vom 28. Oktober, für einen verstorbenen Spieler des Fußballclubs CD Tenerife und für die zahlreichen Menschen, die in den vergangenen Stunden auf der Migrationsroute über den Atlantik ums Leben gekommen sind. Anwesend waren dabei auch der Präsident des Cabildo de Lanzarote und Vertreter der Insel El Hierro.

Nach Angaben der Kanarischen Regierung sind die Inseln mit einer Delegation von rund 350 Fachleuten aus 200 Unternehmen und Institutionen nach London gereist. Die WTM gilt als wichtigste Tourismusmesse für den britischen Markt. Fuerteventura ist mit dem Patronato de Turismo am Stand vertreten, vor Ort ist auch Marlene Figueroa, Consejera de Turismo des Cabildo de Fuerteventura.

Eröffnungsrede: Flugverbindungen schützen

In ihrer Eröffnungsrede sagte Jéssica de León, die Kanarische Regierung eröffne den Stand bereits zum vierten Mal in Folge. Großbritannien sei für die Kanaren kein beliebiger Markt: Rund 36 Prozent der Urlauber kämen aus dem Vereinigten Königreich, und acht von zehn britischen Gästen seien schon einmal auf den Inseln gewesen. Dieses Vertrauen müsse man jeden Tag pflegen. Die Zahlen deuteten nach Jahren des Wachstums auf eine Landung hin. Das sei keine alarmierende Nachricht, aber ein Szenario, auf das man sich rechtzeitig vorbereiten müsse.

Deshalb seien alle acht Inseln in London, um gemeinsam die Flugverbindungen zu verteidigen, ohne die die Kanaren keine Zukunft hätten. Diese müssten vor den Kosten geschützt werden, die die europäische Politik zur Dekarbonisierung der Luftfahrt für die Verbindungen und die Wettbewerbsfähigkeit der Inseln mit sich bringen könne. Die Regierung werde weiter darauf dringen, dass die Lage der Gebiete in äußerster Randlage und ihre Abhängigkeit vom Flugverkehr berücksichtigt werden. Europa müsse vor allem verstehen, wo die Kanaren liegen.

Im Mittelpunkt der Tourismuspolitik stünden die Einheimischen, und die Landschaft sei das wichtigste Kapital der Inseln. Ziel sei, dass der Tourismus mehr Wert schaffe, ohne den Druck auf die Inseln zu erhöhen. Die laufende Legislaturperiode nannte die Ministerin die „Legislatur des Wie“: Die Regierung habe die Ferienvermietung neu geregelt, eine Verordnung über touristische Aktivitäten erlassen und in der jüngsten Sitzung des Regierungsrats die erste Verordnung für touristische Unterkünfte unter freiem Himmel beschlossen, also für Campingplätze und das Zelten. In den vergangenen Jahren seien 244 Millionen Euro aus EU-Fonds auf den Kanaren investiert worden, zu mehr als 90 Prozent bereits umgesetzt und zu einem großen Teil in den Tourismusgemeinden. Seit 2019 seien die Ausgaben der Urlauber auf den Inseln um 60 Prozent gestiegen, inflationsbereinigt um mehr als 40 Prozent. Zum Schluss wünschte sie allen eine Messe mit viel Arbeit, guten Abschlüssen und noch besseren Ergebnissen für alle acht Inseln.

Gruppenfoto der kanarischen Delegation am Stand der Kanarischen Inseln auf der WTM London 2026 WTM London 2026: Kanaren eröffnen ihren Stand
Gruppenfoto zur Eröffnung des Kanaren-Stands. Foto: Radio Sol FM

„Vorsicht und Optimismus“

Jéssica de León im Interview mit Radio Sol FM auf der WTM London 2026 WTM London 2026: Kanaren eröffnen ihren Stand
Jéssica de León im Interview mit Radio Sol FM. Foto: Radio Sol FM

Im Interview mit Radio Sol FM sagte Jéssica de León, die Kanaren kämen mit zwei Gefühlen nach London: Vorsicht und Optimismus. Optimistisch stimme sie, dass die Nachfrage stabil sei. Von Januar bis August seien rund 1 Prozent mehr Gäste auf die Inseln gekommen als im Vorjahr. Vor allem aber hätten die Urlauber vor Ort rund 7 Prozent mehr ausgegeben als 2025, inflationsbereinigt.

Vorsichtig mache sie dagegen, dass die Kanaren mit weniger geplanten Flugsitzen aus dem Vereinigten Königreich in die Wintersaison gestartet seien. Diese Trendwende sei die erste seit vier Jahren und bereite Sorge. Nach ihren Worten machen sich Inflation, die Kosten für Emissionsrechte und der Treibstoffpreis bei der Planung von Pauschalreisen bemerkbar. Zudem werde immer kurzfristiger gebucht. Deshalb wolle die Regierung auf der Messe bei der Werbung alles geben, damit die Kanaren gegenüber konkurrierenden Reisezielen weiter gut dastehen. Die Zeitung Canarias7 beziffert das Minus bei den Flugsitzen aus Großbritannien für November und Dezember auf 2,3 Prozent.

Qualität statt Masse

Auf die Frage, ob der Wunsch der Gemeinde La Oliva auf Fuerteventura nach weniger, aber ausgabefreudigeren Gästen ein Trend auf den Kanaren sei, antwortete die Ministerin, das sei der Wunsch der ganzen Kanaren und eines jeden guten Unternehmens: weniger Kunden, die mehr für die Leistung bezahlen. Es sei ein allgemeiner Trend, nicht die Menge über die Qualität zu stellen. Entscheidend sei aber, wie man das erreiche.

Nach ihren Worten braucht es dafür ein Angebot, das weit über Sonne und Strand hinausgeht: mit Landwirtschaft und Handel und mit Unternehmen aus Wissenschaft und Technologie, die auf den Inseln produzieren, dort Steuern zahlen und Menschen beschäftigen. Um Gäste mit höherer Kaufkraft zu gewinnen, seien zudem private Investitionen in hochwertige Hotels und Unterkünfte nötig. Die Kanaren hätten in den vergangenen drei Jahren als Region am meisten Geld für die Modernisierung veralteter Unterkünfte angezogen, im vergangenen Jahr nach Angaben von La Caixa 1.175 Millionen Euro. Der Schwerpunkt liege also nicht auf neuen Anlagen, sondern auf der Erneuerung bestehender.

„Keine Bewegung gegen den Tourismus“

Die Proteste gegen den Massentourismus auf den Inseln sieht Jéssica de León nicht als Bewegung gegen den Tourismus, sondern gegen die Folgen für die Lebensqualität der Einheimischen. Die Belastungsgrenze der Inseln bemesse sich nicht an der Zahl der Besucher, sondern an der Lebensqualität der Menschen, die dort leben: wie viele Wohnungen es in zehn Jahren geben könne, wie viel Wasser produziert werden müsse und wie die Bevölkerung altere. Der Tourismus sei ein Werkzeug, um grundlegende öffentliche Leistungen zu bezahlen, aber nicht das Ziel. Wo er die Leistungsfähigkeit eines Gebiets übersteige, müsse das Wachstum gestoppt werden, und die Infrastruktur müsse mit dem Zuzug Schritt halten.

Selbstkritisch sagte die Ministerin, die Politik habe sich ablenken lassen und mehr Geld in Feste als in die Wasserversorgung und mehr in Konzerte als in Krankenhäuser gesteckt. Die Menschen, die auf die Straße gehen, von links wie von rechts, Familien wie Selbstständige, forderten vor allem mehr Wohnraum und bessere Leistungen, und dass die 18 Millionen Urlauber etwas mehr auf den Kanaren lassen. Welches Modell eine Insel wolle, müsse jede Insel selbst in ihrem Plan Insular de Ordenación (Inselraumordnungsplan) festlegen. Aus dem Tourismusministerium könne sie weder El Hierro ein Wachstumstempo vorschreiben noch La Palma den Wasserverbrauch.

Gesetz zur Ferienvermietung „lebendiger denn je“

Das kanarische Gesetz zur Ferienvermietung (Ley de Vivienda Vacacional) müsse man immer wieder anpassen, es funktioniere aber, sagte die Ministerin. Es habe das Wachstum gestoppt, mit dem Wohnungen dem regulären Mietmarkt entzogen wurden, damit die Gemeinden entscheiden können, wo, wie und wann gewachsen wird. Das Gesetz sei heute lebendiger denn je: Die EU werde den Gemeinden mit ihrem Gesetz für bezahlbaren Wohnraum dasselbe auftragen wie das kanarische Gesetz. Zudem verwies sie auf ein in der vergangenen Woche bekannt gewordenes Urteil im Fall „Smart Flats“ zur Stadt Brüssel. Es bestätige den Kern des kanarischen Gesetzes: Städtebau sei Sache der Gemeinden, und die EU-Dienstleistungsrichtlinie habe daran nie etwas geändert. Damit sei das kanarische Gesetz auch in Europa ein Vorreiter.

Nächste Schritte

Als nächstes Ziel nannte Jéssica de León, die Kanaren auf dem britischen Markt zu festigen, der für die ganze Branche lebenswichtig sei, gerade in einer Zeit großer Unsicherheit. Am Freitag gehe der Haushalt ihres Ministeriums in den zuständigen Ausschuss des kanarischen Parlaments. Danach stehe ein Jahr im Zeichen des Regenerationsfonds (fondo de regeneración): Über einen Beschluss des Regierungsrats sollen sich Unternehmen direkt an der Wiederherstellung geschädigter Naturräume auf den Inseln beteiligen können.

Radio Sol FM berichtet weiter aus London

Radio Sol FM ist bis zum Ende der Messe vor Ort und spricht mit Politikern und Vertretern der Reisebranche. Die Interviews laufen im Programm von Radio Sol FM und erscheinen in den kommenden Tagen hier auf fuerteventura.news und auf radio-solfm.com.

Weiterführende Links: WTM London

Mehr zum Thema: Fuerteventura: Attraktives Reiseziel auf der WTM London

Ingo Töpfer
Ingo Töpfer
Ingo Töpfer ist verantwortlicher Chefredakteur von Fuerteventura.News und Radio Sol FM Ftv.
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